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Helmuth Flammer

Helmuth Flammer (Foto: Thomas Janssen)  

Helmuth Flammer (DE) – ‚Muß es sein, ja es muß sein“

Helmuth Flammer über sein piano piece „Muß es sein, ja es muß sein“:

„Beethovens Große Fuge ist ein Spätwerk und zugleich seinen Kosmos universell abschließendes Meisterwerk. Daher dient es als Grundlage für meine Klavierskizze. Beethovens Große Fuge, ihre Struktur, ihre Kompositionsweise. Von Form kann hier alleine wegen der Anlage als Skizze, die als kleiner Gruß fürs Beethovenjahr gedacht ist, aber auch aus einem anderen Grunde nicht die Rede sein: Eine Fuge ist keine Form, sondern eine polyphone Methode heterogenen Fortschreitens ins Offene, ins Universum der Éternità. Beethoven hat hierzu das alles abschließende Finale gewählt und treibt seine Fugenkomposition mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Unbedingtheit auf dieses schroffe Fine zu.

Ich hätte bei einem ausgedehnten diskursiven Werk über die Fuge gerne den Weg ins Offene gewählt, wie es Johann Sebastian Bach mit seiner grandiosen Kunst der Fuge hielt. Aber eine Skizze mit aller ihr eigenen notwendigen Begrenztheit, als Gruß gedacht, erlaubt nur den Beethovenschen Weg. Sie hat auch etwas von der Beethovenschen Beharrlichkeit, auch wenn letztere nur durchschimmert. Sie hat etwas von der nahezu sturen Unbedingtheit, wenn man sich, wie in diesem Fall, sehr auf die Beethovensche Musikeinläßt, ein Wagnis!, ja sich in sie hineingräbt.

Die Harmonien sowie der Rhythmus sind in Ableitung von Beethoven streng auf fast dieselbe Weise bearbeitet. Dem Konstrukt dieser Musik wohnt eine Architektur inne, die etwas Unerbittliches hat. Allenfalls die langsame Einleitung, toccatahaft, ist etwas freier. Ein Finale hat auch den einen Aspekt des Abschiedes, der Wehmut. Daher bevorzugt mein Fugato im Nachsatz eine Melodieführung, die an einem chromatischen Baßgang gleich dem Cruzifixus aus der Bachschen h-moll-Messe gemahnt, wobei eine tonale Gebundenheit und ein Zentraltonbezug möglichst weitgehend gemieden wird. Entsprechend der Wanderung des Cruzifixux‘ durch den gesamten Quintenzirkel, quasi als Allegorie für die den Erdkreis umschließende universale Éternità ist der Zentraltonbezug ohnehin porös. Andererseits ist er gefestigt durch die rigide Ordnung der vier Fugenthemeneinsätze, die Beethoven gleich, nach dem Quintfallprinzip erfolgen.

Anders als bei Beethoven zerfällt die Struktur nach der Auskomposition des Fugenkopfes, wie physische Gegenständlichkeit und der ‚haptische‘ Ort mit dem Ende der Temps mésuré zerfällt.“

„Muß es sein, ja es muß sein“ – Aufführungen:

Helmuth Flammer (*1949)

Ernst Helmuth Flammer wurde in Heilbronn geboren, wo er seine Kindheit bis 1961 verbrachte. Ab 1961 besuchte er die Internatsschule Birklehof in Hinterzarten (Schwarzwald), die er 1969 mit dem Abitur abschloß. Nach einem Studium der Mathematik und Physik in den Jahren 1969-1972 wandte er sich zunächst der Musikwissenschaft mit den Nebenfächern Kunstgeschichte und Philosophie zu, wenig später schloß sich ein Musikstudium an. Von 1973-1979 studierte er Kontrapunkt und Musiktheorie bei Peter Förtig und von 1972-1980 Musikwissenschaft bei Hans Heinrich Eggebrecht in Freiburg, wo er mit einer Dissertation zum Thema Politisch engagierte Musik als kompositorisches Problem, dargestellt am Beispiel von Luigi Nono und Hans Werner Henze promovierte. Seit 1976 studierte er zudem Komposition bei Klaus Huber und Brian Ferneyhough, zwischenzeitlich auch bei Paul-Heinz Dittrich.

Seit 1977 publizierte er in mehreren Fachzeitschriften zu Themen der Neuen Musik und ästhetischen Fragestellungen. 1980-1981 hatte er einen Lehrauftrag für Musiktheorie, Kontrapunkt und musikalische Formenlehre und -analyse an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen, 1982 bis 1985 einen an der Universität Freiburg. Seit 1980 ist Flammer freischaffend tätig, seit 1985 übt er eine umfangreiche Lehrtätigkeit als Gastdozent u.a. an der University of Newcastle, in Dresden, Gera, Odessa, Paris, St. Petersburg, am Mozarteum Salzburg und regelmäßig bei den Darmstädter Ferienkursen aus. Hinzu kommen regelmäßige Gastvorträge und Rundfunksendungen.

1985 bis 1987 hatte er einen Beratervertrag mit der Stadt Mönchengladbach als künstlerischer Leiter des dortigen Festivals „Ensemblia“. 1985-1990 betreute er das von ihm mit aufgebaute „ensemble recherche freiburg“, welches sich vorwiegend der Interpretation Neuer Musik widmet. 1993 begründete er das Internationale Pianoforum „…antasten…“ in Heilbronn, ein weltweit einmaliges Festival für zeitgenössische Klaviermusik, das bis 2003 im Zweijahreszyklus stattfand.

Ernst Helmuth Flammer erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen aus Baden-Baden, Dresden, Freiburg, Hannover, Paris, Parma, Rom und Stuttgart. Er erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge im In- und Ausland. Seine Werke wurden auf zahlreichen Festivals uraufgeführt und an allen inländischen und zahlreichen ausländischen Rundfunkanstalten produziert.

1994 erschien eine Portrait-CD bei WERGO, 2005 erschien die Weltersteinspielung des umfangreichen Orgelzyklus superverso mit Christoph Maria Moosmann auf dem Label ORGANUM CLASSICS. Von 2003 bis 2012 war Ernst Helmuth Flammer Lehrer für Komposition und Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden.

Ernst Helmuth Flammer lebt und arbeitet im Wendland.